Die Messlatte liegt hoch. Bis zum Jahr 2010 will die Europäische Union „zum wettbewerbsfähigsten und dynamischsten wissensbasierten Wirtschaftsraum der Welt” werden. Auf dieses strategische Ziel verständigte sich der Europäische Rat der Staats- und Regierungschefs auf dem Europäischen Gipfel in Lissabon in 2000. Wohl wissend: die Entwicklung der innovativen Wissensgesellschaft gilt als DER Schlüssel für Wachstum und Beschäftigung im Europa der Zukunft. Lebenslanges Lernen steht im Mittelpunkt.
Zwar ist die Kooperation aller EU-Mitgliedstaaten in Sachen Bildungspolitik bereits seit drei Jahrzehnten Ziel und Vorsatz der EU, doch im Zuge der „Lissabon-Strategie” wird die bildungspolitische Zusammenarbeit deutlich intensiviert. Auf dem Kopenhagen-Prozess im November 2002 schließlich wurden von den Bildungsministern und der Europäischen Kommission die vier zentralen Bereiche für eine verstärkte Kooperation umrissen. Es sind dies: die Förderung von Arbeitnehmer-Mobilität und Transparenz von Bildungsabschlüssen, die Anerkennung von Fähigkeiten und Qualifikationen sowie die Qualitätssicherung der beruflichen Bildung. Ein wichtiger Meilenstein auf diesem Weg ist der in 2005 entwickelte „Europäische Qualifikationsrahmen” (englisch: European Qualification Framework oder kurz: EQF). Dieses Transparenzinstrument für Qualifikationen muss man sich vorstellen als eine „Übersetzungshilfe”,´mit der sich europaweit erworbene Fertigkeiten und Kenntnisse einordnen und vergleichen lassen. Die formale Verabschiedung des EQF erwarten Experten im ersten Halbjahr 2007.
Mobilität und Transparenz
Was auf europäischer Ebene noch ziemlich abstrakt klinge, habe für Betriebe und Arbeitnehmer, für Bildungsanbieter und Lernende durchaus praktische Relevanz, machen die Aus- und Weiterbildungsexperten der IHK Kassel-Marburg, Geschäftsführer Jürgen G. Peters und Harald Gertz deutlich. Es ist mittlerweile eine wirtschaftliche Binsenweisheit, dass die Wettbewerbsfähigkeit und Innovationskraft eines jeden Unternehmens mit dem qualifizierten Fachkräftepotenzial steigt und fällt. Bei der optimalen Stellenbesetzung soll die Suche der Betriebe nach „Mr. oder Mrs. Right” daher zukünftig nicht mehr an nationalen Grenzen enden. Und die demographische Entwicklung wird in Zukunft die Notwendigkeit verschärfen, europaweit die Fühler auszustrecken. Schon heute wird in einigen Bereichen der Mangel an qualifizierten Fachkräften auf dem deutschen Arbeitsmarkt beklagt.
Doch auch im Arbeitnehmerlager verändert sich das Bewusstsein zusehends und werden Perspektiven für Berufsbildung und Arbeit auch jenseits der Heimat im europäischen Ausland gesucht und gefunden. Im wortwörtlichen wie im übertragenen Sinne gilt: Die Grenzen innerhalb Europas stehen offen.

Bislang allerdings standen Betriebe wie Arbeitsuchende vor einer Barriere, die IHK-Geschäftsführer Peters auf den Punkt bringt: „Wie kann man die in verschiedenen Staaten erworbenen Qualifikationen vergleichen und wie können sie dort Anerkennung finden?” Schließlich haben sich die Bildungssysteme in den vergangenen Jahrzehnten in den Mitgliedstaaten der EU höchst unterschiedlich entwickelt. Der Mangel an Transparenz - ein Hemmschuh für den effizienten Zugang zu Arbeit und Weiterbildung über Landesgrenzen hinweg.
Bei der Frage der Stellenbesetzung kann ein Personaler zur Zeit noch ins Grübeln geraten, macht Bildungsexperte Harald Gertz an einem Beispiel deutlich: „Was erwartet mich wohl bei einem Bewerber mit französischem Bachelor-Abschluss? - Deutsches Facharbeiter-Niveau oder doch eher ein Ingenieur für die Forschungsabteilung?” Gut vorstellbar, dass sich ein Mitarbeiter aus dem Ausland für das Unternehmen bisweilen als wahre „Wundertüte” entpuppte oder aber sein Potenzial nicht erkannt und somit nicht ausgeschöpft wurde. „Mit dem Transparenzinstrument EQF”, so Gertz, „wird in Zukunft – und zwar EU-weit - klar zu ersehen sein, ob ein Bewerber mit seiner Vorbildung den Erwartungen eines Unternehmens bei einer Stellenbesetzung entsprechen kann.“
Nationaler Qualifikationsrahmen
Der Europäische Qualifikationsrahmen ziele nicht ab auf eine Vereinheitlichung europäischer Bildungssysteme, macht Aus- und Weiterbildunsexperte Jürgen Peters deutlich. „An unserem dualen Berufsbildungssystem made in Germany darf sich grundsätzlich zunächst nichts ändern”, unterstreicht er. Lediglich eine „Übersetzungshilfe” will der EQF, dessen Anwendung den Mitgliedstaaten im übrigen frei gestellt ist, an die Hand geben, um so die in verschiedenen Bildungssystemen erworbenen Abschlüsse und lernergebnisorientierten Kompetenzen miteinander zu vergleichen. Die Erwartungen sind hoch: Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Bildungsanbieter und -nachfrager, aber auch die für die Anerkennung von Diplomen zuständigen Stellen werden sich im Dschungel der europäischen Bildungslandschaft dann besser zurecht finden. Mobilität und lebenslanges Lernen werden gefördert. Die IHKs erwarten vom EQF Unterstützung für ihre Forderung nach Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung.
Allerdings fanden sich in der Vergangenheit Stolpersteine bei der Vergleichbarkeit von Qualifikationen nicht nur zwischen den verschiedenen Staaten. Auch beim Wechseln zwischen den unterschiedlichen Bildungssystemen eines Landes, zum Beispiel der beruflichen Bildung und der Hochschulbildung oder zwischen Erstausbildung und darauf aufbauenden Weiterbildungsmaßnahmen, treten bisweilen Schwierigkeiten auf, wenn es um die angemessene Anerkennung von Wissen, Studienleistungen und praktischen beruflichen Qualifikationen geht. Man denke zum Beispiel an die lebhafte Debatte über den Hochschulzugang von Meistern.
Vor Anwendung des Europäischen Qualifikationsrahmens steht daher die Entwicklung eines nationalen Qualifikationsrahmens in allen Mitgliedstaaten der EU. Einige Staaten haben längst einen solchen in Gebrauch, wie zum Beispiel Frankreich und Irland, Malta, Spanien sowie das Vereinigte Königreich mit seinen regionalen Qualifikationsrahmen für England und Nord-Irland, Wales und Schottland. Andere, wie die Tschechische Republik und Rumänien, haben den nationalen Qualifikationsrahmen gerade in Arbeit und auch Deutschland soll nach Erwartungen der EU-Kommission seine Hausaufgaben bis 2009 gemacht haben. „Eine optimistische Zeitplanung, denn die Arbeit daran wurde erst in 2006 aufgenommen”, gibt IHK-Bereichsleiter Jürgen Peters zu bedenken. An der Sinnhaftigkeit eines nationalen Qualifikationsrahmens besteht indes kein Zweifel. Denn lebenslanges Lernen in einem komplexen Aus- und Weiterbildungssystems ergibt vielfach ein buntes Qualifikations-Patchwork, das ohne Frage eines effektiven Transparenz-Instrumentes bedarf.
Der Europäische Qualifikationsrahmen wird daher auch als ein übergreifender Meta-Rahmen bezeichnet. Die sehr viel detaillierter abgefassten nationalen Qualifikationsrahmen sollen auf diesen übergreifenden Rahmen übertragbar sein. Das hört sich komplizierter an, als es ist, denn sind die Abschlüsse auf nationalen Ebenen erst einmal bestimmten Stufen des Europäischen Qualifikationsrahmens zugeordnet, wird es einem Arbeitgeber oder Bildungsanbieter leichter fallen, Abschlüsse aus anderen Staaten ins nationale System einzuordnen. Klar ersichtlich ist es dann, welche Kenntnisse und Fertigkeiten hinter der Zertifizierung stecken.
Herzstück Referenzmodell
Im Mittelpunkt des EQF-Konzepts steht ein hierarchisch strukturiertes Referenzmodell mit acht Stufen. Von zentraler Bedeutung ist hierbei der Vorschlag der EU-Kommission, sich bei der Bestimmung der Qualifikationsstufen an Lernergebnissen zu orientieren. „Also”, so verdeutlicht Harald Gertz: „Was kann einer und wie wendet er sein Wissen in der Praxis an?” Ganz nach dem Motto „Viele Wege führen nach Rom”, fixiert man sich also nicht auf beispielsweise bestimmte Lernformen, auf die Dauer des Lernens oder die Art der Bildungsinstitution, auf die Menge belegter Kurse oder die angewandte Lehrmethode. Die Einordnung des Abschlusses im Qualifikationsrahmen orientiert sich an den erlernten Fähigkeiten und der erworbenen Handlungskompetenz. Auf diese Weise wird auch Berufserfahrung und informelles Lernen bei der Einordnung auf die acht Niveaustufen berücksichtigt. Gleichzeitig bietet die Outcome-Orientierung auch eine Gewähr dafür, dass die Bildungsstrukturen der verschiedenen europäischen Nationen wirklich neutral behandelt werden. Nach dem derzeiten EQF-Konzept sollen auf jeder der acht Niveaustufen drei Arten von Lernergebnissen beschrieben werden. Die drei Deskriptoren lauten: Kenntnisse, Fertigkeiten sowie persönliche und fachliche Kompetenzen. Jeder - vom ungelernten Arbeiter bis hin zur hoch spezialisierten Fachkraft - soll mittels dieser Deskriptoren einem der acht Referenzniveaus zugeordnet werden.
Berufserfahrung hat Schlüsselrolle
Mit dem Konzept des Europäischen Qualifikationsrahmens hat die EU-Kommission in den Mitgliedstaaten offene Türen eingerannt. Das beweist die enorme Resonanz. Im Zuge des Konsultationsprozesses sind etwa 120 Stellungnahmen aus 31 europäischen Ländern bei der Europäischen Kommission eingegangen. Im Großen und Ganzen trifft das EQF-Konzept auf Zustimmung, allerdings zeichnet sich in einzelnen Bereichen weiterer Entwicklungs- und Klärungsbedarf ab.
Auch die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft haben in ihrer Stellungnahme vom 15. November 2006 die Entwicklung des Europäischen Qualifikationsrahmens begrüßt. Allerdings unterstreicht man noch einmal, dass „die Zustimmung zum EQF entscheidend von seiner Ausrichtung am Bedarf der Wirtschaft und am Nutzen für die Unternehmen abhängt”. Deshalb müsse der Bezug zum europäischen Arbeitsmarkt stärker herausgestellt werden und die Kompetenzen mit Blick auf Beschäftigungsfähigkeit (employability) beschrieben werden. Konkret wird gefordert, dass es im achtstufigen Referenzmodell keine „automatische Reservierung” von Niveaustufen für die akademische Bildung geben dürfe. Die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft dringen auf eine stärkere Gewichtung der beruflichen Handlungskompetenz und schlagen in diesem Zusammenhang vor, die drei Deskriptoren des Referenzmodells um weitere vier Deskriptoren zu erweitern. Mit ihnen soll die Handlungskompetenz in Situationen, unterschieden nach Grad der Komplexität, Vernetztheit, Dynamik und Unsicherheit, abgebildet werden.
Auf allen acht Niveaustufen des EQF soll auf diese Weise der berufliche Kompetenzerwerb stärker berücksichtigt werden. „In unserem deutschen Berufsbildungssystem liegt eine hohe Priorität auf dem Praxisbezug”, sagt Jürgen Peters und sieht im dualen System „made in Germany” eine ganz besondere Stärke des Standortes. „Dieses System, um das man uns in aller Welt beneidet, muss sich im EQF adäquat wiederfinden.” Schließlich, so begründen auch die Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft in ihrer Stellungnahme, komme der Praxiserfahrung erwiesenermaßen eine Schlüsselrolle zu, wenn es um die Erlangung der Beschäftigungsfähigkeit und um die Bewältigung beruflicher Anforderungen geht.
C. Wachenfeld-Schlander