A 44: Große Lücke im Autobahnnetz beseitigen

30. September 2020 – Bis zur Wiedervereinigung war ein wesentlicher Teil der regionalen Infrastruktur weitestgehend auf Nord-Süd-Verkehre ausgerichtet. Eine Lücke im bundesweiten Autobahnnetz sollte der Bau der knapp 70 Kilometer langen A 44 schließen: Die Straßen- und Verkehrsmanager von Hessen Mobil rechnen damit, dass das bis 2032 gelingt. Die Kosten liegen bei über zwei Milliarden Euro.     
Über drei Jahrzehnte reicht die Geschichte der A 44 als Verkehrsprojekt der deutschen Einheit zurück – inzwischen ist es eines der aufwendigsten Bauprojekte der Bundesrepublik. Am 14. Dezember 1989 tagt die Vollversammlung der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel. Die offenen Grenzen zwischen der DDR und der Bundesrepublik bestimmen auch im Parlament der regionalen Wirtschaft die Tagesordnung. So informiert IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Walter Giesler die Unternehmer über die bereits hergestellten Kontakte zu den Räten der benachbarten thüringischen Kreise sowie zu den Handels- und Gewerbekammern. Überdies berichtet er über die Besuche in Heiligenstadt und Arnstadt sowie über die in Thüringen geplanten Sprechtage.                                                                                                         
In diesem Kontext betont Giesler die Notwendigkeit, die Verkehrswege in Richtung DDR auszubauen und unter anderem eine Verlängerung der A 44 von Dortmund über Kassel bis nach Herleshausen im Werra-Meißner-Kreis in die Überlegungen einzubeziehen. Dafür spricht sich die Vollversammlung in einer Resolution aus.     
Um die A 44 zwischen Kassel und Eisenach voranzutreiben, setzt sich die Vollversammlung in den Folgejahren wiederholt für den Ausbau ein. Immer wieder bremsen Gerichtsverfahren einen zügigen Weiterbau, in der Folge steigen die Kosten. Nach drei Jahrzehnten sind von den zwölf Abschnitten fünf fertiggestellt. Sechs befinden sich im Bau. Der Abschnitt vom Anschluss an die A7 (Lossetaldreieck) bis zur Anschlussstelle Helsa-Ost ist in Planung.     
„Durch die einzelnen Klagen haben sich Planungsverfahren und Bau extrem verzögert“, hält Jörg Ludwig Jordan, Präsident der IHK Kassel-Marburg, fest. „Selbst im Laufe einer Generation konnte das letzte Verkehrsprojekt der deutschen Einheit nicht fertiggestellt werden.“ Daraus resultiere nicht nur ein sehr großer wirtschaftlicher Schaden, sondern auch ein ökologischer. „Der Verkehr sucht sich seinen Weg – und wenn er dafür Umwege in Kauf nehmen muss, wie im Beispiel A 44 circa 40 Kilometer für täglich Zigtausende Fahrzeuge“, schildert Jordan. Die Folgen: unnötige zusätzliche Treibstoffverbräuche und CO2-Emissionen. 
„Erst die durchgängige Fertigstellung der A 44 als Spange zwischen der A 4 und A 7 beseitigt eine große Lücke im deutschen Fernstraßennetz“, ergänzt Jordan. Um die Standortqualität zu verbessern, komme dem Erhalt und Ausbau der Verkehrsinfrastruktur eine wichtige Rolle zu, ebenso wie dem Errichten einer zeitgemäßen digitalen Anbindung. „Darauf ist im Besonderen der ländliche Raum angewiesen“, betont der IHK-Präsident. Dass Planung und Bau auch schneller gingen, zeige die 2009 fertiggestellte A 38 – ebenfalls ein Verkehrsprojekt der deutschen Einheit. Jordan: „Wäre der A 44-Lückenschluss nicht durch diverse Klagen blockiert worden, hätte er ebenfalls circa 20 Jahre früher als aktuell geplant fertig werden können. Damit wären hunderte Millionen Euro an Steuergeldern und CO2-Emissionen im Millionen-Tonnen-Bereich eingespart worden.“
Teile der Region haben seit 1989 stark von der wiedergewonnenen Zentralität in Deutschland und Europa sowie der guten infrastrukturellen Anbindung als einem volkswirtschaftlichen Potenzialfaktor profitiert, zum Beispiel der Kreis Hersfeld-Rotenburg. „Allerdings kommen einzelne Kommunen beziehungsweise Kreisteile immer noch auf zu hohe Lkw- und Pkw-Fahrzeiten“, bemängelt Jordan. Das hänge neben der Lage der Oberzentren stark von der Erschließung mit Straßeninfrastruktur ab. Gerade der Wirtschaftsstandort Werra-Meißner sei der Leidtragende des sich hinziehenden A 44-Lückenschlusses. Jordan: „Wie sähe es wohl heute im Kreis mit Blick auf Gewerbeansiedlungen, Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen aus, wenn die A 44 damals zeitnah in Betrieb genommen worden wäre?“  
Denn für die Ansiedlung von Gewerbe- und Industriebetrieben erweist sich die unmittelbare Nähe von leistungsfähigen Verkehrsachsen oft als entscheidend. „Wenn ein Lkw in wenigen Minuten ein gut ausgebautes Autobahnnetz erreicht und in alle Himmelsrichtungen starten kann, ist das ein wesentlicher Faktor für eine Investitionsentscheidung“, erklärt der IHK-Präsident. „Die positive Entwicklung Hersfeld-Rotenburgs zeigt das beispielhaft.“
Die Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg übernimmt als Körperschaft des öffentlichen Rechts hoheitliche Aufgaben, unter anderem in der Aus- und Weiterbildung sowie beim Erstellen von Exportdokumenten. Ferner ist die IHK Dienstleister für Unternehmen, indem sie zum Beispiel kostenlos Einstiegsberatungen bei rechtlichen Fragen erteilt sowie kostenlos Jungunternehmer in spe rund um die Existenzgründung berät. Die IHK steht allen Unternehmen – klein oder groß – in jeder Phase ihrer Existenz mit Rat und Tat zur Seite, von der Gründung über die Turnaround-Beratung bis zur Nachfolge. Außerdem vertritt sie das Gesamtinteresse der regionalen Wirtschaft gegenüber der Politik.